Wir sind nicht zum Sitzen geboren worden

Physiotherapeut Nils Dick im Interview

Nils Dick - mikromed Essen

Seit fünf Jahren arbeitet Nils im Team der Physiotherapie an den Kliniken Essen-Mitte (KEM). Meist sind es Menschen mit Krebserkrankungen, die er betreut, aus dem mikromed-Zentrum und weiteren spezialisierten Fachbereichen der KEM. Als Physiotherapeut unterstützt er die Patienten im Kampf gegen den Krebs auf seine Weise. Schließlich möchte er diesen trotz oder gerade wegen ihrer Erkrankungen mobilisieren, motivieren und ihnen dabei, wenn möglich, auch ein Lächeln ins Gesicht zaubern, wie er sagt. Ist Sport und Bewegung bei Krebs ein Widerspruch? Kann Sport vor Krebs schützen? Diese und weitere Fragen beantwortet Nils im Interview und gibt Einblicke in seine tägliche Arbeit.



Als Physiotherapeut kennst Du Dich mit dem menschlichen Körper gut aus. Warum ist körperliche Bewegung so wichtig für uns?
Generell ist es ja so, dass der Mensch bzw. der menschliche Körper für die Bewegung gedacht ist. Sitzende Tätigkeiten zum Beispiel mag unser Körper eigentlich gar nicht, wir sind auch gar nicht dafür gebaut. Zu den positiven Eigenschaften, die sportliche Aktivitäten auf den Körper haben können, zählt beispielsweise das Herz-Kreislaufsystem. So lässt sich durch Bewegung der Blutdruck senken. Wichtig ist auch, dass durch sportliche Aktivitäten die Lunge auf positive Weise belastet wird. Weitere Stichwörter sind Ausdauer und Muskelaufbau. Wenn man den Körper im Rahmen seiner Möglichkeiten fordert, wird die Sauerstoffzirkulation angeregt, Muskeln gekräftigt und der Körper besser durchblutet. Gerade bei älteren Patienten mit Arthrose lässt sich unheimlich viel über die Muskeln verbessern, denn eine gut trainierte Muskulatur dämmt die Bewegung und verringert so die Belastung an den Gelenken. Last but not least fühlen wir uns durch Bewegung und sportliche Aktivitäten einfach wohler in unserem Körper und das Immunsystem wird deutlich angeregt.



Macht uns Sport und Bewegung also glücklicher?
Ja, definitiv. Wie gesagt, wir sind nicht zum Sitzen geboren worden, wir brauchen quasi die Bewegung. Dabei sollten sportliche Aktivitäten meiner Meinung immer auch Spaß machen, der eine ist lieber draußen in der Natur, der andere möchte lieber drinnen und unabhängig vom Wetter sein. Da sollte jeder schauen, was ihm Spaß macht, auch in Bezug auf die Sportart selbst und in Bezug auf seine Kondition. Ob es dann Nordic Walking, der Besuch im Fitnessstudio oder Spazierengehen im Wald ist: Generell gilt, Bewegung und Sport tun immer gut.



Ist es richtig, dass Sport und Bewegung präventiv vor Krebs schützen können?
Mittlerweile gibt es unterschiedliche Studien, die diesen Schluss nahe legen. So sind für bestimmte Tumorarten positive Effekte bereits belegt worden, etwa bei Brust-, Darm- und Prostatakrebs. Aber auch bei Leber-, Nieren- und Lungenkrebs werden positive Einßüsse vermutet. Die biologischen Mechanismen, die Aufschluss darüber geben können, warum Sport einen direkten Einfluss auf Krebs hat, sind jedoch noch weitgehend unbekannt.



Ist Sport bzw. Bewegung und Krebs ein Widerspruch? Schließlich schwächt eine Chemotherapie den Körper stark.
Nein. Aus vielerlei Hinsicht sind Bewegung, sportliche Aktivitäten, aber auch physiotherapeutische Maßnahmen, wichtige Aspekte während und nach einer Krebstherapie. Wenn man sich vorstellt: Die Patienten kommen zu uns, stehen mitten im Leben, sind aktiv, manche waren vorher selbst noch nie im Krankenhaus, und erhalten dann die Diagnose Krebs. Jede dieser Diagnosen ist ein Schock für den Betroffenen und sein Umfeld. Das haut die Patienten stellenweise sehr um und dann sind Depressionen häufig irgendwann auch nicht mehr weit. Sportliche Aktivitäten haben in diesem Zusammenhang einen sehr positiven Einfluss auf die Psyche und helfen, mit der Diagnose besser umzugehen. Man fühlt sich nicht nur besser und kann seinem Körper wieder mehr vertrauen, sondern stärkt damit auch das ohnehin schon geschwächte Immunsystem. Außerdem bleiben Beweglichkeit, Kraft und Ausdauer erhalten, was unheimlich wichtig ist, auch aus ärztlicher Sicht, da sich die körperliche Verfassung natürlich auch auf die Therapie des Patienten auswirkt. Dennoch muss stets individuell durch den Arzt entschieden werden, ob und inwieweit Physiotherapie und sportliche Betätigung sinnvoll und möglich sind. Zum Beispiel bei Metastasen in den Knochen. Da muss der behandelnde Arzt mir rückmelden, inwieweit ich den Patienten belasten darf und wie hoch die Bruchgefahr ist.



Worauf sollten Krebspatienten achten, wenn sie Sport treiben bzw. sich bewegen möchten?
Also ich sage den Patienten immer: Die Schmerzgrenze ist das, was das oberste Limit bedeuten sollte. Dabei gilt: Lieber kürzere Einheiten, dafür häufiger. Manchmal gilt es auch, die Patienten etwas zu bremsen. So bekommt jeder Patient für die Physiotherapie in der Klinik und später für zu Hause ein Gymnastikband. Ich hatte schon Patienten in einem Vierbettzimmer, die jeden Tag gemeinsam, jeder in seinem Bett, damit trainiert haben. Aktuell behandeln wir einen Mann, der früher Profitänzer war und sofort fragte: Hast Du ein Bettfahrrad, ein Gymnastikband und eine Matte für mich? Manche geben richtig Gas. Da ist es nicht ganz einfach, sie zurückzuhalten, damit sie sich nicht übernehmen. Das variiert von Mensch zu Mensch. Patienten, die einen Großteil ihrer Zeit stationär im Bett verbringen müssen, haben natürlich ganz andere Bedürfnisse und Ziele, was das Thema Bewegung angeht. Jeder von ihnen erhält daher seinen persönlichen, auf ihn abgestimmten Trainingsplan.



Physiotherapie ist mehr als nur Massage und Fango. Was können physiotherapeutische Maßnahmen bewirken?
Bei einem Teil unserer Patienten,insbesondere bei denjenigen, die ambulant in der onkologischen Tagesklinik betreut werden, wird die Physiotherapie unterstützend eingesetzt, etwa um Ressourcen zu erhalten und die Kondition weiter zu verbessern. Bei schweren Erkrankungen geht es vielmehr um die Frage, inwieweit die Aktivitäten des täglichen Lebens nach dem Krankenhausaufenthalt gemeistert werden können. Dabei holen wir den Patienten immer dort ab, wo er gerade steht. Können wir ihn nach Hause entlassen? Wird er dort gut versorgt? Schafft die Ehefrau dies noch alleine oder wird Unterstützung benötigt? Neben dem Betroffenen selbst steht immer auch sein familiäres Umfeld im Vordergrund. Wenn jemand zum Beispiel nicht mehr selbstständig laufen kann, kann er zu Hause auch nicht mehr allein ins Bad und auf die Toilette gehen. Dies ist sehr einschränkend und wird als belastend empfunden. Ihn hierbei zu unterstützen und ihn wieder ans Laufen zu bringen, ist ein sehr wichtiger Faktor. Gleichzeitig geht es auch darum, den jeweiligen Lebenspartner zu entlasten, zum Beispiel durch ein Transfertraining von der Bettkante in den Rollstuhl. Wichtig ist immer, auf den Menschen, seine Wünsche und Lebensqualität einzugehen. Jeder Patient ist anders.



Um auf jeden Menschen individuell eingehen zu können: Wie wichtig ist dabei die Kommunikation untereinander und der Austausch mit den Ärzten?
Im Prinzip tauschen wir uns täglich aus, da sich der Zustand unserer Patienten zum Teil recht schnell ändern kann. Das geht ganz unkompliziert auf kurzem Wege. Wir kennen uns untereinander gut, arbeiten eng zusammen und sind ein eingespieltes Team. Zusätzlich haben wir einmal in der Woche eine interdisziplinäre Konferenz, in der wir gemeinsam mit den Ärzten und anderen Fachbereichen, beispielsweise der Ergotherapie, dem Sozialdienst oder der Pflege, die aktuelle Situation und Therapie des Patienten besprechen. Der familiäre Hintergrund wird dabei immer mit einbezogen.



Wie stellt man bei einem älteren Menschen fest, wie fit er noch ist?
Patienten, die älter als 65 Jahre alt sind, erhalten bei uns ein so genanntes geriatrisches Assessment. Dadurch können wir feststellen, wie mobil und belastbar der Patient noch ist. Wir führen dazu unterschiedliche Mobilitäts-Tests durch, anhand derer wir den Gang und das Gleichgewicht des Patienten beurteilen können. Zusammen mit weiteren Untersuchungen anderer Abteilungen kann das behandelnde Team dann entscheiden, welche Therapie die Richtige ist.



Welche Angebote bietet die Physiotherapie ihren Patienten an den Kliniken Essen-Mitte?
Wir haben eine Trainingshalle mit Sprossenwand und diversen Geräten, die wir für die physiotherapeutischen Maßnahmen nutzen. Für die Physiotherapie im Zimmer gibt es unterschiedliche Bewegungsübungen mit Gymnastikband, die die Patienten später dann zu Hause selbstständig umsetzen können, zusätzlich nutzen wir Bälle, Atemtrainer, ein Bettfahrrad, Gehhilfen und vieles mehr.



Was melden Dir die Patienten zurück? Wie wichtig ist für sie körperliche Aktivität und Bewegung?
In der Regel wissen die Patienten die Bedeutung der Physiotherapie zu schätzen und sind froh, dass wir vorbeikommen und uns kümmern, zum Teil sind sie auch auf uns angewiesen. Erst gestern kam eine Patientin zu mir und beklagte sich, dass sie nach dem stationären Aufenthalt wieder abgebaut habe. Den Trainingsplan für zu Hause habe sie nicht umgesetzt. Manche benötigen den Physiotherapeuten auch als Motivation und eine Therapie mit festen Terminen, um dranzubleiben. So manchen Patienten begleite ich seit zwei bis drei Jahren. Man kennt sich dann mit der Zeit und kommt natürlich auch ins Gespräch. Unser Ziel ist es, unsere Patienten aufzubauen, in vielerlei Hinsicht. Neben der Unterstützung im physiotherapeutischen Bereich kann auch ein gutes Gespräch Teil der Therapie sein. Ich erinnere mich an eine Patientin aus Köln, ihr hat das unheimlich viel gebracht. Schließlich gehören Körper und Psyche immer auch zusammen.


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